Begegnungen mit Mutter Ganga

Der Norden, ein unbekanntes Land. Meine Hinflugbekanntschaft sagte,  dass die Menschen viel aggressiver, der Umgang viel rauer und die Atmosphaere sehr viel kaelter seien. Also uns fuerchten, skeptisch hierher reisen, mit Sorgen in den Flieger nach Kalkutta steigen? Nein, vielmehr mit Vorfreude auf einen anderen Teil eines grossen Landes, welches besser oder schlechter ist als der Sueden, sondern eben nur anders.

Anders ist vor allen Dingen die Wetterlage. In Bangalore noch mit T-Shirt in den neuen modernen Malls geschlendert, die Glaspalaeste von Dell, SAP, Intel und Co. bewundert (und sich gefragt ob man wirklich noch in Indien ist, oder doch schon klangheimlich nach Kalifornien gefahren ist), war es bei der Ankunft in Kalkutta doch ein kleiner Temperaturschock. Wenn die Sonne tagsueber raus ist kann man den oft kalten Wind aushalten, doch nachts wird es unangenehm kuel. Rikschafahrten oder Zugreisen sind dann kein Vergnuegen mehr, letztere nur noch mit einem dicken Schlafsack und einer guten Decke auszuhalten. Die duenne hellblaue Kunstlederbritsche in den Sleeper-Waagen traegt leider nicht zur Erwaermung bei, aber wenigstens sind die Ventilatoren ueber uns ausgeschaltet, wobei es trotzdem durch die undichten heruntergezogenen Fenster hereinzieht.

Kalkutta war lange Zeit die Hauptstadt des British Raj, vor allem das Victoria Memorial ist ein Zeugnis davon. Zwar zeigt sich hier das moderne Indien nicht so stark wie in Bengalore, aber der Kontrast zwischen Arm und Reich scheint hier viel krasser. Wir haben uns ein Besuch in Pizza Hut gegoennt (man kann ja nicht immer von Reis leben), dort fand eine Geburtstagsfeier nach der anderen statt, Maenner in Anzuegen, Frauen in schicken Saris und Kinder, die sich keine Sorgen machen muessen. Und draussen die Armen und Kranken, die auf den Strassen liegen, in der Haupteinkaufsstrasse Park Street um jeden Rupee betteln. Oft sind die zwei Lebenswelten nur durch eine Glasscheibe getrennt, geschuetzt von Security.

Dann Varanasi. Einer der heiligsten Plaetze des Hinduismus. Aber nur nur Hindus nimmt dieser Ort in Besitz. Die Rituale und Zeremonien, die sich am Ufer des Ganges abspielen sind fremd und faszinierend zugleich. Das geballte Leben spielt sich ab: Rinder flanieren ueber die Treppen der Gaths, an den Waenden klebt ihr Mist, zum trocknen um es spaeter als billiges Heizmittel einzusetzen, Frauen waschen Kleidung, peitschen sie auf die Steine im Wasser, Maenner stehen wie versteinert bis zur Huefte im Fluss, beten, singen, murmeln. Und ab und an schwimmt eine Kerze auf dem Fluss vorbei, angezuendet wohl meist von Touristen, die sich von den wirklich penetranten Verkaeufern an den Ghats ueberreden liesen. Kinder lassen drachen steigen, weit ueber dem Fluss und im Wind sieht man ab und an eine Priese Rauch, die von den zwei Einaescherungsghats kommt. Viele Schiffe bringen Holz dorthin, was sich in den kleinen Gassen meterhoch stapelt. Im Tempel brennt das ewige Feuer, seit tausenden Jahren. Nachdem die Angehoerigen das Feuerhoz ausgewaehlt haben, es gewogen und bezahlt wurde wird ein Holzstapel aufgetuemrt. Die Leichen sind in Tuecher gehuellt und mit Girlanden oder Blumen geschmueckt, in denen nachher die Hunde spielen werden oder die im Ganges hinwegtreiben. Die Toten werden in den Ganges getaucht bevor sie auf den Holzstapel gelegt werden. Dann wird er vom ewigen Feuer des Tempels entfacht, drei Stunden wird er brennen. Zwischendurch wird der Leiche der Kopf abgeschlagen, die Ueberreste werden von Jungs in den Ganges gekehrt. Nur Maenner sind erlaubt bei der Verbrennung eines Verwandten zuzusehen, man sagt und das Frauen dies nicht aushalten wuerden bzw. das man verhinder wollte, dass sich Witwen wie frueher ueblich mit in die Flammen stuerzen. Das Treiben bleibt aber nicht privat, dafuer ist Varansi und insbesondere die beiden Feuerghats zu sehr zu einem Touristenort geworden. Es ist eben auch eine wunderschoene Stadt, in dessen kleinen Gaesschen, wo oft eine Kuh das Weiterkommen verhindert, man sich verlaufen kann. Wo man bei einer morgendlichen Bootstour den Sonnenaufgang bewundert, das Licht und das ruhige Wasser geniesst und verzaubert wieder an Land geht. Es wird nicht mein letzter Besuch hier sein.

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