Von Druck und Zerbrechen

Halbzeit. Fast. Noch liegen drei Monate meines Auslandsaufenthalts vor mir, aber das Semester hat mittlerweile seinen ersten Siedepunkt erreicht: Die Bibliotheken sind voll, bis spät in die Nacht sind die Tische in den 24-Stunden-Lernräumen mit ihren schmucklosen Achziger-Grün-Stühlen und ihren unbequem ergonomischen Tischen von Menschen mit Stift, Papier, Buch und Schwarzem Tee bevölkert. Es wird geschrieben, gelernt, zwischendurch geschlafen, Luft geschnappt oder bei Facebook sich kurzzeitig abgelenkt, bis einen das schlechte Gewissen wieder in die Zeilen des Buches treibt. Midterms und Papers heißen die Folterwerkzeuge der Professoren, Quiz nennen es einige. Doch das ist eher Euphemismus. Wer gut sein will, wer am Ende des Semesters zufrieden sein will, der arbeitet nun und schaut weder auf Uhr noch Augenringe. Warum schreibe ich nur diesen Artikel, ich müsste doch noch diese Präsentation und dieses Paper schreiben?! Die nächste Deadline vor den zufallenden Augen.

Deadline.

Vergangene Woche hat sich ein Junge vom Dach eines Colleges in den Tod gestürzt. Genauere Hintergründe sind nicht bekannt, jedoch handelt es sich wohl um einen ehemaligen Studenten der CUHK, welcher mittlerweile an der City University of Hong Kong studiert. Es ist der zweite Selbstmord, den ich als Student hier indirekt miterlebe. Am Anfang des Semesters erreichte uns eine Email des Vizepräsidenten, in der einer Studentin kondoliert wurde. Sie hatte sich nach den Einführungstagen das Leben genommen. Auch wenn die genaueren Umstände nicht bekannt sind frage ich mich – konfrontiert mit dem Druck und dem Stress in diesen Tagen-, ob und welchen Anteil die Universität und das gesamte System der Bildung und Ausbildung daran tragen. Selbstmord ist kein Verbrechen wie das Wort vielleicht suggerieren mag, sondern freie Entscheidung von freien Menschen. Es ist manchmal Kurzschlussreaktion, manchmal ein tödlicher Hilferuf, manchmal Schlusspunkt eines langes Prozesses. Probleme in der Liebe, beruflicher oder privater Misserfolg, Altersmüdigkeit. Dann Hoffnungslosigkeit; das Gefühl dass alles weiter geht, außer man selber; dass sich die Welt gegen einen verschworen hat und alle guten Gedanken aussaugt, so dass nur noch das Schwarze bleibt, in dem man früher oder später ertrinkt. Suizid hat nicht den einen Grund, aber vielleicht den einen Ausgangspunkt. Wenn jemand bewusst auf den Campus zurückkehrt, um hier seinem Leben ein Ende zu setzen ist dies kein Zufall.Eher ein Zeichen, hier danach zu suchen.

In unseren heutigen Tagen geht alles über Wettbewerb: Man bewirbt sich für Kindergarten- und Hortplätze, für das gute Gymnasium in der Stadt, für das Studienfach und die Univerisät, für Stiftungen und Stipendien, für Praktika und Arbeitsplätze. Sicher ist nichts, Selektion ist alles. Mittelmäßigkeit ist die größte Strafe in einer Gesellschaft, die nach Leistung und Exzellenz strebt. Der Druck erwächst mit der Angst von den lukrativen Dingen ausgeschlossen zu sein, nicht dazuzugehören zum Netzwerk der Erfolgreichen. In einer Gesellschaft, in der 1,3 Milliarden Menschen um Posten, Macht, Einfluss, Glück und Wohlergeben kämpfen, potenziert sich dieser: Dort ist es weniger die Wahl zwischen Studium an Uni A oder D, arbeiten für 70 000 Euro oder 100 000 im Jahr, sondern zwischen Elite oder Wanderarbeiter. Zwischen Sicherheit oder Absturz. Es hat fast Hobbsche Züge: Ein Kampf jeder gegen jeden um eine begrenzte Ressource. Und dieser Kampf durchzieht das ganze Leben.

In einem Artikel aus den letzten Wochen wurde der harte Kampf der chinesischen Schülerinnen und Schüler um einen der begehrten Studienplätze an den Elite-Universitäten des Landes beschrieben: Der „life-defining moment„, der bestimmt ob der Weg nach oben oder unten geht. Die gaokao ist die Kurzform für standardisierter landesweiter höhere-Ausbildung-Studentenzugangsprüfung, an dem in 2011 9,3 Millionen SchülerInnen teilnahmen. Die Vorbereitung auf die Prüfung im Juni nehmen circa drei Jahre ein – drei Jahre mit Lernen zuhause, in der Schule, im McDonalds, von morgens bis abends, von Montag bis Sonntag. Die Prüfung verlangt besondere Qualitäten: Sehr starkes Gedächtnis, hohe logische und analytische Fähigkeiten, wenig Phantasie und ein kleines Verlangen die Autorität in Frage zu stellen. Wenn wir Fragen über und zu China stellen (und dabei doch schon unsere Schlüsse längst gezogen haben, Lösungen längst parat liegen in unserm Kopf) entlarven wir oft unsere Unkenntnis: Warum gibt es keine Demokratie dort, warum kann sich dieses autoritäre System so lange halten, warum lehnt sich niemand gegen Umweltverschmutzung und Unrecht auf, wie kann man eine solche Prüfung im Jugendalter mit unglaublichem Druck gutheißen? Oft sind viele Dinge für uns selbstverständlich und wir projizieren sie in diesen Erdteil, ohne zu vergessen, dass dort ein anderer traditioneller, kultureller und gesellschaftlicher Rahmen existiert. Die Prüfung hat eine 1400-jährige Geschichte und geht zurück auf die Sui-Dynastie (589-617 n.Chr.), in der Stabilität als oberstes Ziel sah und durch den Vorgänger des heutigen Tests die besten Bürokraten im ganzen Land für diese schwierige Aufgabe finden wollte. Wer heutzutage nach dem Sinn dieser Prüfung fragt bekommt die Antwort: Wie soll man sonst in einem solch großen Land gleiche Chancen wahren, und die besten für die wichtigsten Plätze bestimmen? Heutzutage ist 750 die magische Zahl, die maximale Punktanzahl. Rankings auf Landes-, Provinz- und Stadtebene küren die besten, ihnen ist mediale Aufmerksamkeit für kurze Zeit sicher. Ein kurzer Moment vielleicht des Glücks. Eine Freundin berichtete mir, dass in ihrer Stadt ein Junge und ein Mädchen auf den ersten beiden Plätzen waren. Ein Jahr später waren sie tot. Das System frisst ihre Kinder.

Wer es an die Uni geschafft hat – ob Erstpräferenz oder nicht – wird ebenso mit Druck konfrontiert: Die Ergebnisse des gaokao erwecken Erwartungen, die erfüllt werden müssen. Wer es dagegen nicht in eine der begehrten Elite-Unis geschafft hat muss büffeln, um später nicht im Wettbewerb unter den Tisch zu fallen und als Taxi-Fahrer zu enden. In China erscheint jeder ersetzbar, und vielleicht ist dies auch bei 1,3 Milliarden Menschen der Fall. Neben exzellenten Leistungen wird natürlich auch ein gestählter Körper, und Verantwortungsbreitschaft verlangt. Es ist sicher kein Zufall, dass ich die lokalen Studierenden oft beim Kurschlaf in der Bibliothek sichte. Es fordert alles seinen Preis. Zumindestens körperlich, aber wie schnell auch psychisch?!

Die CUHK ist berüchtigt, dass jedes Jahr ca. 2-3 Studierende Suizid begehen. Ob der Druck hier höher ist als anderswo in Hong Kong kann ich nicht beurteilen. Da anders als an den hochrenommierten Unis wie Hong Kong University hier auch Studierende aus mittleren Einkommenschichten und eine relativ hohe Zahl von Mainland-Chinesen studieren könnte der Druck jedoch höher sein, als bei Studierenden, die durch die Brieftasche und die Kontakte ihrer Eltern abgesichert sind. Vielleicht trägt auch das College-System auf dem Campus negative Früchte: Man ist ständig in der Uni, ständig mit den anderen Studierenden und baut sich ein Netzwerk auf, dessen Mitglieder später als Mitbewerber wahrgenommen werden könnten. Diesem Stress und Druck zu entkommen – z.B. durch Rückzug in Familie oder uni-fernen Freundeskreis – ist in einem College schwierig. Aber das kann alles nur Spekulation bleiben. Doch die Universitätsführung muss sich fragen, ob die gehäufte Anzahl an Suiziden nicht auf Gründe innerhalb der Uni zurückzuführen sind. Anstrengungen in diese Richtung sind bisher noch kaum zu erkennen.

Ereignisse wie letzte Wochen reißen uns aus dem eigenen Streben nach Erfolg und Perfektion. Wir sind alle im Hamsterrad und akzeptieren stillschweigend die Regeln dieses Spiels. Sie lassen darüber nachdenken, wie man selbst dazu beiträgt diese Denkweise aufrechtzuerhalten. Wie wenig man selbst manchmal auf anderer achtet, sondern sich in den Mittelpunkt stellt. Solchen Ereignissen vorzubeugen ist keine Aufgabe einer Universität oder eines Staates alleine, sondern unser aller gemeinsam.

  1. Hallo Tobias,
    das alles klingt nicht nach dem, was uns z.T. die hiesigen Medien über die Bildungswundermaschine China weismachen will. Dabei wird immer die ‚Diszipliniertheit‘ der Chinesen als Musterbeispiel aufgeführt. Diese Diziplin rührt wohl eher von Angst und nicht von konzentrierter Arbeit.
    Die negativen Resultate des unbarmherzigen Bildungssystems zeigen aber auch, dass ‚Kommunismus‘ à la China nichts, aber auch gar nichts mit dem Wert echter Solidarität zu tun hat. Eigentlich schade.

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