Halo-Halo. Ein Wochenende auf den Philippinen

Im zweiten Anlauf hat es dann doch noch geklappt. Nachdem unser Flug am Donnerstag Abend gestrichen wurde – wir das aber erst ernüchternd am Flughafen erfahren haben – stiegen wir nolens volens am Freitag Morgen in die Luft Richtung Manila. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, ob ich jemals auf die Philippinen fliegen würde, ich gestehe ich hätte dies verneint. Hätte man mich vor einem Jahr nach Informationen über diesen Inselstaat irgendwo östlich (oder doch mehr westlich) von Deutschland befragt, ich hätte wohl gerade so die Hauptstadt (oder ist es doch Jakarta?) zusammenbekommen. Vielen in Deutschland dürfte es ähnlich gehen – wenn nicht gerade ein Erdbeben oder ein Taifun über das Land hinwegfegt, wie zuletzt im September und Oktober Nesat und Nalgae, dann verschwinden die Philippinen schnell vom Radar unserer Aufmerksamkeit und unseres Interesses. Die Skyline von Hong Kong, die Stände von Bali in Indonesien und Phuket in Thailand, das rasend wachsende China – was sollte man über die Philippinen, ca. anderthalb Flugstunden von Hong Kong entfernt, wissen und kennen?

Die Philippinen sind der fünftgrößte Inselstaat der Erde und gemessen an der Einwohnerzahl von zurzeit 101 Millionen Einwohnern der zwölftgrößte Staat der Erde (bemerkenswert: Bevölkerung im Jahre 2007 betrug 88 Millionen Einwohner!). Die überwiegende Mehrheit (82 %) sind katholisch, daneben gibt es Minderheiten von Muslimen (5 %) und weiteren v.a. christlichen Gemeinschaften. Alleine dieses Merkmal macht die Philippinen in Süd-Ost-Asien, was vornehmlich von Muslimen (Indonesien) oder Buddhisten (Thailand, Laos, Kambodscha) bevölkert wird, besonders. Heutzutage ist dies das prägendste Überbleibsel der spanischen Kolonialherren, die erstmals im Jahre 1521 auf das Gebiet stießen. Über 300 Jahre waren die rund 7100 Inseln unter spanischer Flagge, doch eigentlich übte die katholische Kirche den größten Einfluss auf die Geschicke der Kolonie aus. Für Spanien waren die Gebiete am Ende der Welt weniger interessant und sehr spät investierten die Kolonialherren in Infrastruktur und Bildung. Noch heute begegnen in Manile Plätze, Häuser und Kirchen einem mit spanischen Namen, wobei die spanische Sprache kaum gesprochen wird. Die Spanier wurden nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und dem Amerikanisch-Philippischen Krieg im frühen 20. Jahrhundert wurden als Herrscher abgelöst von den Amerikanern, die – siegreich aus beiden Kriegen hervorgegangen – 20 Millionen Dollar für die Gebiete (plus einige weitere ehemalige spanische Kolonien wie Puerto Rico) zahlten. Es setzte eine Periode ein, in der amerikanische Kultur und Werte stärker propagiert wurden, als dies mit den spanischen Parts unter den ehemaligen Kolonialherren der Fall war: Vor allem in die Bildung wurde investiert, Lehrer aus den Staaten lehrten Englisch, was erklärt warum die Philippinen mit 50 Millionen Sprechern heute die fünftgrößte Englisch-sprachige Gemeinschaft der Welt sind. Wie große Teile Süd-Ost-Asiens war das Land im Zweiten Weltkrieg von den Japanern besetzt: In den letzten Monaten wurde Manila nahezu komplett in der Schlacht von Manila zerstört, als die Amerikaner – letztlich erfolgreich – versuchten, die Stadt zurückzuerobern. Von der „Perle des Orients“ mit ihren kulturellen Reichtümern blieb nichts mehr übrig, die Straßen nach der Schlacht gesäumt von Schutt und Leichen, Ergebnis eines Massakers, welches die Japaner in den letzten Tagen ihrer Herrschaft anrichteten. Nach dem Krieg erlangten die Filipinos ihre Unabhängigkeit, doch der amerikanische Einfluss – wirtschaftlich, politisch und kulturell – ist noch bis heute spürbar. Wer beispielsweise das politische System des Landes näher betrachtet wird frappierende Ähnlichkeiten mit dem Präsidialsystem der USA erkennen können.

Drei Tage sind zu kurz, um danach zu behaupten man kenne ein Land. Gerade die Philippinen, auf deren Inseln pauschal gesagt jeweils eine andere ethnische Gruppe beheimatet ist, sind schwer in kurzer Zeit zu fassen. Doch das Gefühl, in einem spannenden, aufregenden und vielfältigen Land zu sein nimmt man auf jeden Fall mit zurück. Manila ist nicht mehr die Perle, die es vor dem Krieg war, doch trifft sich hier das Spanische, das Amerikanische und die Zukunft. Die Kirchen in der Stadt und das Fort Santiago im Herzen des alten Stadtkerns Intramuros sind Zeugen von 300 Jahren spanischer Herrschaft. Zu diesen Zeiten bildete die Kathedrale von Manila (die achte Kathedrale an dieser Stelle – die Philippinen liegen auf dem Feuerring und werden oft von Erdbeben heimgesucht) den Point Zero des Landes. Die Amerikaner dagegen verfolgten eine säkulare Linie und legten zu Ehren des geistigen Vordenkers der Unabhängigkeit José Rizal (der übrigens in Heidelberg studierte) den Rizal-Park an, welcher bis heute der Point Zero bildet. Die Jeepneys, langestreckte Versionen der von den Amerikanern zurückgelassenen Jeeps, bunt bemalt oder alternativ erkennbar an den schwarzen Rußfahnen am Auspuff sind überall präsent und eines der Haupttransportmittel in der chronisch nah am Verkehrskollaps lebenden Hauptstadt. Und zwischendurch: Aufschwung. Es ist nicht das rasende Wachstum eines Chinas, sondern nach Zeiten von ökonomischer Abhängigkeit von den USA und den schwierigen Jahren unter der Marcos-Diktatur, bei der die Wirtschaft und Politik von einigen wenigen Familien dominiert wurde, ein langsamer, auf wenige Menschen eingeschränkter Aufschwung. Er sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armut und Ungleichheit weiter hoch sind. Im Vergleich zu den anderen Tiger-Staaten der Region sind die Philippinen durch innenpolitische Schwierigkeiten noch zurück, auch weil Sicherheit im ganzen Land und auch in Teilen der Hauptstadt noch nicht garantiert werden kann.

Es gibt wenige Länder auf der Welt, die eine solche Artenvielfalt bieten. Durch sein Klima und seine Lage ist es Heimat einer Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die unser Wissen sprengt. Ein kleiner Ausflug am Samstag zu einem noch aktiven Vulkan konnte uns einen Einblick in die Schönheit der Landschaft geben. Nach einer rasanten Fahrt bergabwärts mit dem Tricycle zum Ufer des Sees, in dem sich der Vulkan erhebt, setzten wir per Boot über. Hoch ging es per pedes (und nicht per Hufe: 450 Pesos, ca. 7 Euro und der unglückliche Blick der Pferde ließen uns diese Wahl bevorzugen) und auf dem Weg aufwärts begegneten einem immer wieder Löcher, aus denen Rauch aus den Tiefen der Erde entwich. Am Rand des Kraters angekommen blickte man herunter auf den Kratersee mit zum Teil kochend heißem Wasser und blickte um sich auf eine Landschaft mit Wasser, Bergen und Wäldern. Ein seltener Anblick in den Philippinen, da große Teile des tropischen Regenwaldes bereits abgeholzt sind oder akut bedroht. Einer der größten Schätze der Erde droht – wie auch in Indonesien, Burma, Thailand oder Laos – für immer zu verschwinden.

Süd-Ost-Asien bietet vielleicht wie keine andere Region auf dieser Welt eine Vielfalt von Religionen, Kulturen, Sprachen und Landschaften. Die Philippinen mit ihrer interessanten Geschichte von wechselnden Kolonialherren mit ihren jeweils eigenen Akzenten, einer einzigartig vielfältigen Landschaft und der ethnischen Vielfalt sind ein kleiner Teil davon. Nichts kann diese bunte Mischung besser dies ausdrücken, als das philippinische Nationalgericht (oder besser Dessert), den wir auch während unserer Reise kosten durften: Eis, Milch, Früchte, Bohnen – alles gehört hinein in den Halo-halo. Und am Ende schmeckt es einfach nur gut.

 

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