Liebe Bahn, …

es gibt einige Dinge, die wollte ich dir immer schon sagen. Ich glaube heute ist der richtige Augenblick gekommen: Ich mag dich sehr. Nicht selten wirst du dieser Tage solche dir wohlgesonnenen Worte hören, doch im Vergleich zu Auto, Flugzeug oder Schiff bist du mir das liebste Fortbewegungsmittel. Wenn du dich denn fortbewegst. Lediglich -soweit muss ich dir untreu werden- das Fahrrad kann auf kurzen Strecken dir etwas entgegenhalten. Im Winter ist es bei euch beiden kalt, nur dass ich dies beim Velo zum Nulltarif erhalte.

Acht Jahre lang hast du mich sicher in die Schule gefahren. Deine Karten wurden immer teurer, dein Personal immer unfreundlicher und deine Züge immer anfälliger. Wie oft habe ich gestöhnt, wenn du wieder mal nur einen kleinen Triebwagen losschicktest, wo doch morgens hunderte Schülerinnen und Schüler, Pendlerinnen und Pendler und selbst deine eigenen Arbeitskräfte an den Bahnsteigen warteten. Nach diesem kurzen Moment der tiefen Enttäuschung, wie es sie in den besten Beziehungen gibt, nahm ich es von der positiven Seite: Wenigstens kam etwas überhaupt.

Du hast dich seit 2006 redlich bemüht auch mit anderen Völkern und Kulturen in Kontakt zu kommen. Doch dabei bist du schon viel früher deinem eigentlichen Kernklientel mit BahnCard, ServicePoints oder Park-And-Kiss-Zonen fremdgegangen. Auch wenn dich kaum jemand je verstand, die Lacher und ein Lächeln vor jedem Halt Plattling, Bullay oder Gotha waren dein.

Die technischen und architektonischen Neuerungen waren immer ein Hobby von dir. Nie wolltest du hinter die Franzosen mit ihrem irrsinnig schnellen Zügen auf ihren irrsinnig geraden Strecken zurückfallen. Neue Züge wurden gekauft, die an die Ursprünglichkeit vergangener Tage, dort hinterm Tender, wo das Quecksilber ins Unerträgliche steigt, erinnerte. Mit Türen, die nicht mehr nur langsam öffneten, sondern förmlich aus den Angeln gehoben wurden und Kaffeemaschinen, deren Produkte noch lange nach dem Endbahnhof in Erinnerung blieben.

Der Börsengang sollte dich ganz groß machen. Dem kleinen Mann an deiner Spitze war die Bahn mit den vielen Zügen nicht genug, er wollte, dass du alles überall kannst. Er wollte in Europa und in der Welt investieren, doch war in seinen Plänen kein Platz für die Strecken in Harz und Eifel. Effizienz war dein neues Wunderwort. Mehr transportieren, mit weniger Wartungen und weniger Personal. Die Jahrhundertformel zum Erfolg. Du zeigtest uns damit, wie sehr wir dich brauchen und wie sehr du uns fehlst, wenn du nicht mehr verkehrst. Wenn Bahnhofspersonal abgebaut wird, wenn an den Achsen die Intervalle etwas länger ausgelegt werden und und und…

Jetzt hast du wieder eine deiner schweren Phasen. Alle hacken auf dich ein kleine Bahn. Deine Verfassung ist sicher nicht die beste, überall quetschen sich die Züge, tönen die automatischen Ansagen etwas von „Hohes Fahrgastaufkommen“ oder „Störungen im Betriebsablauf“, deine Züge haben Mühe mit Temperaturen abseits des der 15-25 Grad-Zone. Zu allem Überfluss will dich dein neuer Chef mit dem passenden Namen unter die Erde legen. Doch echte Bahnfreunde wissen wo du hingehörst.

Lass dich nicht unterkriegen. Du wirst gebraucht. Für die Geschäftsleute, die schnell zum Termin müssen. Für die Schülerinnen und Schüler, die jeden Tag zu Schule müssen und die Leute, die einfach nur aus Freude mit dir fahren. Arbeite nur etwas an dir, werde zuverlässiger und sei wieder mehr an den Interessen derer orientiert, die die mit dir fahren. Dann mag ich dich noch mehr, denn du bist mit all deinen Macken doch vor allem eins: Geradezu menschlich!

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