新年快乐! oder: Neujahr feiern in China

Ich glaube man darf es noch wünschen: Ein frohes neues Jahr. Was in deutschen Ohren wahrscheinlich mehr als merkwürdig klingt, ist 2012 doch schon fast einen Monat alt, wird in China mit einem ebensolchen 新年快乐 (Xīnnián kuàilè) erwidert. Denn nach dem chinesischen Mondkalender ist das neue Jahr erst ein paar Tage alt. Am 23. Januar war der erste Tag des Jahr des Drachen und die folgenden Tage stehen ganz im Zeichen dieses Wechsels. Von der Wichtigkeit ist es dem Weihnachtsfest bei uns gleichzusetzen: Millionen Menschen pilgern nach Hause zu ihren Familien, Zugtickets sind innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft und Preise für Flüge vor den Feiertage gerne mal doppelt so hoch wie gewöhnlich.

Erleben kann man die Hektik vor diesen familiären Tagen schon Tage vorher in den Bahnhöfen und Flughäfen des Landes: Da verdoppeln sich schnell mal die Schlangen, die gewöhnlichen Wege sind nicht mehr gehbar, weil Barrieren nur die durchlassen, die auch wirklich ein Ticket besitzen, in den Händen haben die Reisenden nicht nur ihr Handgepäck, sondern auch Tüten und Kartonkisten voller Leckereien. Und als Beobachter aus dem Westen fängt man sich an zu fragen: Wie kam man nur auf die Idee in diesen Tagen durch China zu reisen? Diese Frage stellt man sich aber vielleicht erst richtig, wenn in den Tagen nach dem Jahreswechsel das Land (fast) stillsteht, kaum Restaurants und Geschäfte aufhaben, Sehenswürdigkeiten eine Woche lang geschlossen bleiben (wie mir passiert in Beijing in der Großen Halles des Volkes) und die vielen Millionen Chinesinnen und Chinesen anstatt arbeiten zu gehen oder zu konsumieren zu Hause mit der Familie feiern. Ein Land bleibt zuhause.

Die Vorbereitungen für das Fest fangen schon früh an: In Hong Kong geht der Weihnachts- und (West-)Neujahrsrummel direkt über in das chinesische Neujahr. In den Malls werden die Nikoläuse abgehangen und die übergroßen Drachen angebracht. Je näher das Fest rückt, desto mehr rücken sich die Städte ins rechte Licht, werden aufwendige Laterneninstallationen überall in der Stadt befestigt und angeschaltet. In Restaurants oder anderen Shops bekommt man verzierte Kuverts, in denen das traditionelle „Lucky Money“ von den älteren Generationen an die jüngste Generation übergeben wird. Meine Vor-Fest-Reisestationen waren Shanghai, Beijing und Xian, bevor ich letztlich in Lanzhou (auf der Karte markiert durch das A), Hauptstadt der Provinz Gansu ankam. Mit jeder Station wurde es kälter, aber mit jeder Station wurden auch die Vorbereitungen zum Fest intensiver.

Chinesisches Neujahr unter Chinesinnen und Chinesen in China. Was für eine Erfahrung, wenn man nicht nur stiller ahnungsloser Beobachter ist, sondern selbst Mitwirkender. Wenn man selber mitfeiert, selbst wie es die Tradition verlangt am letzten Tag des Jahres nur neue Dinge anzieht, selber Lucky Money bekommt, selber die chinesischen Wunderkerzen in die Hand gedrückt bekommt und selber Dumplings knetet. Unendlich dankbar bin ich dafür, dass ich für ein paar Tage Teil einer chinesischen Familie sein durfte, mit allem was eben an diesen hohen Tagen dazugehört. Das große Essen am „Silvestertag“ (sie nennen es natürlich nicht so) wie die Tradition es will bei den Großeltern väterlicherseits mit allerlei Gutem was die chinesische Küche zu bieten hat. Dann das gemeinsame Schauen der großen Neujahrsgala auf CCTV (auf einem der hunderttausend CCTV-Kanäle auch mit englischem Kommentar), in der gesungen und getanzt wird, Sketche aufgeführt werden und verdiente Polizisten und auch der erste Taikonaut kurz ihre Eltern vorstellen dürfen und dabei eifrig in die Kameras strahlen. Man will sich gar nicht vorstellen, was für eine Quote diese Sendung einfahren wird. Dazu wird Tee getrunken, allerlei Süßes und Herzhaftes aus Omas Küche gereicht und chinesischer Likör einer nach dem anderen getrunken. Es ist ja nur einmal im Jahr Neujahr. Je näher der Zeiger an Mitternacht rückt, desto lauter und häufiger böllert es von der Straße. Ich weiß nun, warum der China-Böller so heißt, wie er heißt. Nur dass das Original um einiges opulenter, länger und sehr viel lauter ist. Und wenn es dann endlich kommt das neue Jahr, dann kennt zündet der wahre Chinese (allen Warnhinweisen von offiziellen Stellen zum Trotz) seine Böller vom heimischen Fenster aus, hunderte kleine rote Pakete voller Knallkraft gehen dann an Omas Besenstiel in einem Geräuschfeuerwerk auf. Und die ganze Stadt macht mit. Raketen schießen über eine halbe Stunde in den Himmel und immer wieder klingen die Böller von den Häuserfenstern in die Straßen. Das Jahr des Drachen hat angefangen.

Am nächsten Tag (es wird immer noch geböllert und Feuerwerke steigen immer noch ab und an) wäscht man sich nicht, da das Glück des neuen Jahres nicht gleich weggewaschen werden soll. Eine etwas merkwürdige Figur gebe ich ab, etwas verschlafen von der Nacht, mit Knallern noch immer in meinen Ohrmuscheln, der chinesische Likör trägt den Rest dazu bei, dass ich mir eigentlich nichts sehnlicheres als eine warme Dusche (bei wohlgemerkt -20 Grad draußen) wünsche. Aber Tradition ist Tradition. Im Wohnzimmer knetet die halbe Familie schon Dumplings und ich werde direkt einbezogen in die hohe Kunst (laut Aussage von der Frau Lehrerin mache ich gar keine schlechte Figur). Es werden nachher Berge von Dumplings werden, die mit Essig, Sojasauce und dem ein oder anderen scharfem Zeug bis zum Gehtnichtmehr verspeist werden. So geht das auch in den nächsten Tagen munter weiter: Jeder fährt zu seinen Verwandten, isst und trinkt, beglückwünscht sich und vergisst (vielleicht) für ein paar Tage alles andere.

Chinesisches Neujahr – ein absolut tolles Fest, was in jeder Ecke des Planeten, wo einige Chinesen zu finden sind ausgiebig gefeiert wird (USA, Frankreich, Kanada und Neuseeland geben sogar eigene Briefmarken zu diesem Anlass heraus). Definitiv hat dieses Fest seit diesem Jahr einen neuen Anhänger. Nächstes Jahr dann in Mannheim oder wo auch immer: Mit selbst gemachten Dumplings, Böllern und chinesischem Likör wird ins kommende Jahr der Schlange gefeiert. Bis dahin: 新年快乐!

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