Ein bisschen Taifun

Auf den Schlussmetern der Saison hat sich ein Taifun doch noch auf den Weg in Richtung Hong Kong gemacht. „Nesat“ hatte in den vergangenen Tagen bereits die Philippinen erreicht, wo er über 35 Menschen das Leben kostete. Gestern dann wurden wir per Mail gewarnt, dass er Kurs auf das chinesische Festland nimmt und Ausläufer am Mittwochabend auch Hong Kong treffen könnten. Wir sollten am Abend doch bitte in unseren Hostels bleiben und uns mit Essen und Trinken für den Fall eines stärkeren Sturmes vorbereiten. Es sei möglich, dass vor 07.00 Uhr morgens Warnstufe 8 ausgerufen wird – womit alle Kurse bis um 13.00 Uhr ausfallen und Geschäfte geschlossen bleiben würden. Wir waren also vorgewarnt.

Die am Abend ausgerufene Warnstufe 1 konnte uns nicht davon abhalten zum traditionellen Nacht-Pferderennen nach Happy Valley zu fahren. Inmitten der Hochhäuser von Hong Kong Island liegt einer von zwei Pferderennkursen in Hong Kong, die vom altehrwürdigen Hong Kong Jockey Club betrieben wird, der das Monopol auf Pferdewetten hat. Wie beliebt der Sport hier ist zeigt, dass der Jockey Club der größte Steuerzahler der Stadt ist, aber mit den Gewinnen auch zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt. Beginnend von gestern an findet an den meisten Mittwochen im Oktober  dort auch ein Oktoberfest statt: Leider nur mit Ständen, Bier aus Plastikbechern – aber dafür gestern mit original bayrischer Live-Musi. Im Endeffekt war letzteres aber eher Anlass zum Selbstschämen. Zwischen den Rennen, die jeweils alle 30 Minuten stattfinden war nicht nur Zeit für Blasmusik, sondern auch für ein „Wer trinkt ein Bier am schnellsten“-Wettbewerb (schnellste Frau schaffte es in 7 Sekunden, schnellster Mann in 4 Sekunden) – wobei glaube ich in beiden Fällen britische Staatsbürger gewannen. Welch eine Überraschung. Das wirklich spannende an diesem Abend waren aber natürlich die Rennen, bei dem 12 Pferde und Jockeys im Rund antreten. Auch ich wettete einmal und habe glatt meinen Einsatz verdreifacht. Leider waren es nur 20 Dollar (2 Euro) Einsatz, so dass ich immer noch weiter studieren muss. Bereits gegen 21:00 Uhr begann es aber stark zu Regnen und einige heftige Böen ließen die Bierstände schnell alleine im Regen stehen.

Heute morgen erreichten mich dann zwei Mal von meinen Dozenten mit der Info, dass die Kurse zunächst bis 13.15 Uhr ausfallen. Die Skala für Taifune hat die Stufen 1, 3, 8, 9, 10. Die Regeln an der Uni ist, dass bei Ausrufung des Signals 8 vor 7.00 Uhr morgens die Klassen bis 13.15 Uhr ausfallen. Sollte um 12.00 Uhr mittags noch Stufe 8 oder höher bestehen werden die Klassen bis zum Abend nicht stattfinden. Stufe 8 bedeutet, dass mit Windstärken bis 63 km/h zu rechnen ist. Da der Taifun südwestlich nahe der Insel Hainan (auf der Karte oben gut zu erkennen) auf das Festland trifft ist unsere Uni, die im Nordosten Hong Kongs liegt nicht so allzu stark von den Ausläufern betroffen, da die Berge uns vor einigen Schrecken wohl schützen. Auf den Seiten des Hong Kong Observatory ist zu sehen, dass besonders im Westen Hong Kongs große Regenmengen fallen und der Wind um einiges stärker ist (zum Teil bis über 90 km/h). Bei einem kleinen Spaziergang auf dem Campus kam es ab und an zu ordentlichen Böen, jedoch regnet es nicht mehr. Es erinnert alles sehr an einen guten Sturm in Deutschland, bei dem ein paar Äste brechen, die Straßen voll mit Laub sind und Mülltonne und Blumen umfallen. Aber Angst Wegzufliegen muss man nicht haben. Dennoch sind die Behörden nach dem Chaos auf den Philippinen etwas sensibler und halten momentan noch Stufe 8 effektiv. Die MTR fährt nur langsam und nicht mehr im gewohnten Zwei-Minuten-Takt, die Börse (da muss schon viel passieren, dass diese schließt) hat heute Pause und Geschäfte sind geschlossen. Ebenso ist kein Mensch auf der Baustelle an der Bibliothek zu sehen, was eigentlich erstmals Lernen dort ohne Bohrgeräusche möglich machen würde, doch leider ist diese, wie auch alle Kantinen auf dem Campus, ebenfalls geschlossen.

Was also machen? Vielleicht ein wenig hinaus setzen und die (für mich nach den letzten feucht-warmen Tagen) sehr angenehme steife Brise um die Nase wehen lassen und später sich mit Instant-Nudeln und Banenen irgendwie den Hunger vertreiben. Schön wäre auch ein Kakao, nur ist die Milch viel zu teuer- außerdem sind 27 Grad draußen kein Katalysator für Herbst-Atmosphäre. Ansonsten hilft nur, den unverhofften freien Tag mit Faullenzen und Lesen verbringen. In diesem Sinne: Happy Typhoon-Day!

 

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