Indien als Plural

Man mag meinen Indien geht es nicht allzu schlecht auf dieser Welt: Von Obama über Merkel bis chinesischen Präsidenten Hu Jintao geben sich alle die Rang und Namen haben die Klinge in Delhi in die Hand. Nebenbei tanzt Michelle Obama scheinbar sorglos mit farbenfroh gekleideten indischen Mädchen. Zu guter letzt scheint sich diese Wertung beim Anblick dieses Hochhauses (oder ist es ein Palast der Moderne oder eher doch Ausdruck absoluter Gigantomanie) zu bestätigen: Einer der reichsten Menschen Indiens – und in Indien gibt es neben Herr Ambani und Herr Mittal noch viele weitere Milliardäre – hat sich ein Haus gebaut. Eine Familie auf 173 m. Höhe wohlgemerkt. Man mag lieber nicht daran denken, was dem Herrn durch den Kopf geht oder eben nicht, wenn er vom obersten Stockwerk in die Slums der Millionenmetropole schaut. Ein neues krasses Beispiel des indischen Kontrasts.

Fakt ist, dass Indien seit rund 20 Jahren rasant wächst. Ein riesiger Markt wird vor allem von indischen Firmen besetzt. Zu nennen wären dort allen voran Tata, welches hierzulande vor allem durch den billigen Kleinwagen Nano bekannt wurde. Aber diesen Absatzmarkt wollen sich auch ausländische Firmen nicht entgehen lassen, so investiert Volkswagen dort in eine neues Werk. Indien war lange Zeit ein Land mit gelenkter Wirtschaft. Als diese Fesseln nach und nach beseitigt wurden kam es nicht nur zu einem verstärkten Wachstum, sondern auch zu einem Auseinanderdriften im Gesellschaftsgefüge. Wenigen Reichen steht eine große Anzahl bettelarmer Familien gegenüber, der Wohlstand ist lokal und personell begrenzt.

Fakt ist nämlich auch, dass nahezu 400 000 000 Menschen weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung hat. Trotz Schulpflicht arbeiten die Kinder für das Überleben der Familie anstatt für ihre eigene Zukunft. Die Kindersterblichkeit ist in manchen Bundesstaaten besorgniserregend hoch. Der größte Slum Asiens, in dem über eine Millionen Menschen hausen befindet sich in Mumbai. Dieses Bild von Indien sollten wir nicht ignorieren, wenn wir von einer Weltmacht sprechen. Dieser Anspruch liegt auf wenigen Schultern, da die Maße nicht daran partizipieren kann. Von unten gesehen ist Indien daher noch als Entwicklungsland mit bedeutenden Herausforderungen im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich anzusehen.

Das Indien nicht oft in den Nachrichten ist liegt vor allem am scheinbar harmonischen Zusammenleben in der größten Demokratie der Welt. Niemand wird eingesperrt oder unter Hausarrest gestellt, es gibt keine (offensichtliche) Staatspartei, keine Regimekritiker oder Dissidenten. Die große Leistung des indischen Systems liegt darin, dass es versucht auszugleichen zwischen Bundesstaaten, Sprachen, Ethnien und Religionen. Die bestimmende Frage ist ob dieses System auch krasse soziale Unterschiede aushalten wird. Dies ist die große Frage der indischen Zukunft.

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