Katholikentag: Heiße Eisen lauwarm

Eifrig werkel die Handwerker noch am Marktplatz. Noch versteckt sich die eine Hälfte des Ensembles aus Altem Rathaus und der Kirche St. Sebastian mitsamt Turm unter Planen. Auch in der Liebfrauenkirche am Luisenring werden noch die letzten Reste für die Wiedereröffnung im April beseitigt. Seit vergangener Woche ertönt über dem Jungbusch auch wieder das Geläut des Gotteshauses, welches im Mai für einige Tage seinen Namen in Jugendkirche Samuel wechseln wird. Mannheim macht sich schick für den Katholikentag, welcher vom 16. bis 20. Mai in der Quadratestadt mit ca. 1200 Veranstaltungen und über 50 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattfinden wird.

„Heiße Eisen ohne Tabus und Maulkörbe“ – mit diesem Versprechen starteten die Organisatoren des religiösen Festes. Alois Glück, Vorsitzender des federführenden Zentralrats der Katholiken sagte darüber hinaus, dass es ein „Weiter so“ angesichts der Lage der Kirche nicht geben darf und Diskussionen auf dem Katholikentag auch bei den Kirchenoberen ankommen und angesprochen werden müssen. Vielleicht meinen die Verantwortlichen dies mit dem gewählten Motto „Einen neuen Anfang wagen“: Diskussionen offen führen, lange totgeschwiegene oder nur halbherzig angegangene Probleme in der Kirche ansprechen, den Lösungsweg gemeinsam suchen und die Frage stellen, wie Kirche sich erneuern kann, ohne beliebig zu werden. Was dieser Katholikentag wirklich für einen Anfang gestaltet bleibt abzuwarten bis nach den Tagen im Mai. Doch werden diese heißen Eisen aus dem Rucksack geholt und angepackt, wenn wir uns das Programm des Katholikentags anschauen?

In den letzten zwei Jahren haben zweifelsohne die Missbrauchsfälle von Priestern und Angestellten in kirchlichen Einrichtungen die Kirche in eine Krise gestürzt. Nicht nur deutschlandweit, auch in Irland, den USA und anderen Teilen der Welt kamen sexueller Missbrauch oder Gewalt an Kindern und Jugendlichen an die Öffentlichkeit, teilweise schon Jahrzehnte alt, teilweise noch recht aktuell. Auch den Katholikentag beschäftigt dieses Thema: So findet am Donnerstag, 17.05. eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Zuhören statt verleugnen – verändern statt beschönigen. Kirche stellt sich den Fragen von Opfern sexuellen Missbrauchs, u.a. mit dem Missbrauchsbeauftragten der Katholischen Kirche Bischof Stephan Ackermann. Auch am Freitag findet ein Podium zu Strategien gegen sexuelle Gewalt in Kirche und Sport statt. Außerdem wird es einen Gesprächskreis im Biblisch-Geistlichen Zentrum zum Thema „Sexueller Missbrauch – sind wir sprachlos von Donnerstag bis Samstag geben. Ob diese drei Veranstaltungen sowohl von der Anzahl, sowie dem Inhalt als offensives Anpacken dieser für Kirche und Gesellschaft insgesamt schwierigen Materie bezeichnet werden können, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Ein ganz anderes Thema bewegt die Kirche wohl schon seit Jahrhunderten: Der Mitwirkung und „Gleichberechtigung“ der Frauen innerhalb des Katholizismus. Frauen tragen die Kirche mit ihrer Arbeit als Gemeindereferentinnen, mit ihrer Mitarbeit in Gremien der Pfarreien und der Laienbewegung insgesamt, darüber hinaus bilden sie als Krankenschwestern und Erzieherinnen wohl zweifelsohne tragende Säule in vielen kirchlichen Einrichtungen. Doch Tabu sind für sie die geistigen Ämter, auch wenn die Kirche landauf landab mit dramatischem Priesterschwund zu kämpfen hat. Natürlich gibt es bei dem Katholikentag zahlreiche Veranstaltungen von Frauen für Frauen (Wortgottesdienste, Eucharestiefeiern, Bibelwerkstätten), darüber hinaus aber auch einige wenige Veranstaltungen, die speziell die Thematik der „geschlechtergerechten Kirche“ in den Blickpunkt nehmen. So findet am Freitag ein Podium unter dem Titel „Wo kämen wir denn da hin…?! Frauenperspektiven für eine geschlechtergerechte Kirche“ und am Donnerstag ein eher allgemeines Podium zum Thema „Frauen in den Religionen“ statt. Auch auf „Mächtige Frauen in der Kirche gestern, heute und morgen“ wird in einer Werkstatt am Samstag eingegangen. Obwohl viel von starken, selbstbestimmten, sich und ihr Leben selbst bestimmenden Frauen die Rede ist im Programm wird wenig von dieser Feststellung der Realität als Forderung an die Kirche herangetragen.

Thema Homosexualität. Nachdem einige deutsche Bischöfe, beispielsweise der Berliner Neu-Purpurträger Kardinal Woelki („gegen die Schöpfungsordnung„) oder der Münchener Erzbischof Kardinal Marx („gescheiterte Menschen„) nicht gerade mit fortschrittlichen Positionen aufgefallen sind und in Unregelmäßigkeit von verschiedensten Seiten auf die hohe Anzahl homosexueller Priester („Jeder zweite Priester ist schwul„) und Angestellter in kirchlichen Einrichtungen hingewiesen wird kann bei diesem Thema durchaus von einer gewissen Spannung zwischen Realität und der offiziellen Kirchenposition gesprochen werden. Ob in diesem Bereich der Katholikentag wirklich über eine Änderung des Umgangs diskutiert? Die Programmpunkte zu diesem Thema finden meist auf der Beratungsebene ab, so beispielsweise beim Gesprächskreis „Homosexualität (k)ein Problem? In Familie, Freundeskreis und Gemeinde“ am Freitag und Samstag und in der samstäglichen Werkstatt „Mein Kind ist homosexuell. Der lange Weg vom Gefühlschaos zur Akzeptanz“. Ein Blick in die Realität könnte man auf dem Podium „Den Menschen sehen – Homosexuelle Frauen und Männer in der Gemeinde“ am Samstag Vormittag wagen, schließlich kann nicht wegdiskutiert werden, dass viele Lesben und Schwule in verschiedensten Bereichen sind aktiv in der Kirche beteiligen.  Darüber hinaus wird im Atlantis-Kino der Film „Sascha“ am Freitag gezeigt, eine Tragikomödie, bei der der traditions- und ehrbewussten Vater auf keinen Fall von der homosexuellen Liebe seines Sohnes erfahren darf. Wie bei den vergangenen Katholikentagen wird auch die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) ein eigenes Programm in ihrem Zentrum im Elisabeth-Gymnasium in D7, 8 anbieten und auch auf der Kirchenmeile vertreten sein, wie auch das Netzwerk Katholischer Lesben (welches auch am Freitag die Werkstatt „Schwule und Lesben als Eltern – Erfahrungen, Bibeltexte, kirchliche Lehraussagen“ durchführt) und die Lesbischwulen Gottesdienstgemeinschaften. Leider sind aber keine Veranstaltung der HuK ins offizielle Programm aufgenommen worden, dafür finden sich aber einige lesbische Themen im Programm: Am Samstag „Austritt ist (k)eine Lösung: Lesben in der katholischen Kirche“ im Zentrum Frauen und Männer, „Leben mit Brüchen. Lesben und christliche Spiritualität“, die vom Netzwerk Katholischer Lesben organisierte Werkstatt „Frau liebt Frau und Gott liebt auch. Coming-Out als Kreuz-ung“ am Samstag. Das „heiße Eisen“ Homosexualität wird durch erstaunlich viele Veranstaltungen angepackt, aber leider findet sich im offiziellen Programm keine Veranstaltung, welche (im Vorfeld betrachtet) über die Position der Kirche zu Homosexualität diskutiert und diese kritisch hinterfragt. Dies mag sicher keine Überraschung sein. Schade ist es trotzdem. Es scheint vielmehr eine am Status Quo-orientierte Kirchenpolitik zu herrschen, bei der Akzeptanz eingefordert wird und Realitäten langsam begriffen und aufgegriffen werden – welche aber die nicht auf Gleichstellung ausgerichtete Kirchenpolitik in Deutschland und der Welt unangetastet lässt.

Die Katholische Kirche, oder beim Katholikentag besser gesagt die Vereinigung der katholischen Laien, wagt sich mit dem 98. Katholikentag an einige für die Kirche schwierige und kritische Thema heran. Dass dabei außer den typischen Kirchenpositionen andere progressivere, realitätsnähere Ideen Oberwasser gewinnen scheint bei der Anzahl und Besetzung der Veranstaltungen mehr als zweifelhaft. Ein „neuer“ Aufbruch in alten Mustern und Denkweisen – ob dies der Weg sein kann? Alte Kirchen neuen Glanz zu verleihen wird nicht ausreichen, um Kirche wieder mit neuem Leben zu füllen. Es wird endlich Zeit, dass die heißen Eisen in ihrer Tiefe offen angepackt und angegangen werden.

Das komplette Programm als PDF: Programm des 98. Deutschen Katholikentag in Mannheim

Wir Grüne laden auch zu Veranstaltungen anlässlich des Katholikentags ein: Am Internationalen Tages gegen Homophobie am 17. Mai findet im Trafohaus um 19.00 Uhr eine Podiumsveranstaltung unter Moderation von Dr. Gerhard Schick, Mannheimer MdB u.a. mit Volker Beck, MdB und menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und David Berger, Theologe und Autor des Buches „Der heilige Schein“ zum Thema „Out in der Kirche“ statt. Außerdem lädt der AK Frauen am Samstag, den 19. Mai von 11.00 bis 18.00 Uhr zum Grünen Politischen Café ins Grüne Büro ein. Weitere Infos folgen. 

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