Zwei Wochen Hong Kong

Ich sitze in der Bibliothek – einem furchtbaren Bau, einer Festung aus Beton – und sehe hinüber auf die grünen Berge, die sich hinter der Bucht und den obligatorischen Hochhaustürmen aufbäumen. Blicke nach links und rechts, wo fleißige Chinesen (es sind wirklich nur Männer!) in ihren Büchern lesen und faule Hong Konger schlafen oder allenfalls halbherzig gegen ihre schweren Augen ankämpfen – der längst entschiedene Klassenkampf im Kleinen. Seit zwei Wochen bin ich nun fast 10 000 Kilometer von allem lange gewohnten entfernt – und erst jetzt finde ich Zeit und Muse etwas über das Leben in diesem feucht-warmen Flecken Erde zu berichten.

Es ist ein Wunder, dass ich bisher noch nicht an einer Erkältung oder ähnlichem leide. Ein Schritt aus den heruntergekühlten Räumen – sei es Seminarräume, Mensen oder die Bibliothek nach draußen und schon umhüllt einen die feuchte warme September-Luft, angereichtert im Zentrum mit einer ordentlichen Portion Abgasen – die in den letzten Wochen auch meist die Berge rund um den Campus eingehüllt haben und auch den durchaus atemberaubenden Blick auf die Skyline in Mitleidenschaft gezogen haben. Umso mehr freut man sich über die Sekunden, in denen der Regen kurzzeitig etwas Frische in den Wind legt.

In dieser klimatischen Umgebung ist es nicht einfach auf dem Campus ohne Schweißperlen auf der Stirn von Raum zu Raum zu pilgern. Nach zwei Wochen aber hat man sich mittlerweile an den erhöhten T-Shirt-Verschleiß und glänzende Haut gewöhnt – und wer hat schon etwas gegen das Gefühl an einem 12-Stunden-Sportwettbewerb teilzunehmen?! Der Campus verwöhnt uns mit seiner Lage außerhalb der Stadt im Stadtteil Shatin in den New Territories mit überbordendem Grün und vielen ruhigen Ecken, von denen man den Blick auf die Hochhäuser unterhalb  genießen kann. Er fordert aber auch mit seinen Höhenmetern, die tagtäglich zur Metro-Station, zu den Hörsälen, zum Shop – eigentlich zu allem was sind nicht auf dem Level des Colleges, in dem man wohnt, befindet – überwunden werden müssen. Zwar gibt es ein Bussystem auf dem Campus – doch sind dessen Zeiten mir noch nicht intus und Menge an Menschen darin fördert meiner Einschätzung nach die Schweißbildung um einiges mehr als ein sportlicher Gang den Berg herunter oder hinauf.

Aber warum sollte der Campus anders sein als die Stadt selbst? Die ersten Meter mit dem Taxi zur Uni ging es über Brücken – den Blick auf einen der größten Häfen der Welt gerichtet, vorbei an Hochhäusern, die sich an steilen Berge türmen und durch eine Vielzahl an Tunneln, die die vielen grünen Berge von Hong Kong durchlöchern. Es ist zunächst unwirklich diese Kulisse zu durchstreifen, wenn man noch nie zuvor etwas vergleichbares gesehen hat. Man fragt sich, wo hier bitteschön sieben Millionen Menschen wohnen sollen- und auf welchem Raum? Hong Kong ist eine der am dichtesten bewohnten Gebiete unserer Erde, nicht weil es so klein ist, sondern so uneben. Eigentlich unglaublich, dass Hong Kong genau dort steht wo es steht und nicht an einem flachen Stück Land.

Aber das macht auch die Stadt aus. Wenn man mit dem Bus durch Hong Kong Island fährt und sich langsam die enge Serpentinenstraße hochschlängelt – nur um zu merken, dass die Türme am Hafen einen immer noch überragen. Wenn man angekommen ist auf dem Viktoria Peak und die Hochhäuser an beiden Seiten des Hafens zum Greifen nah erscheinen. Wenn man am Morgen am Viktoria Habour Tai Chi macht und im Hintergrund den Tower der Bank of China und die anderen spiegelblanken Gebäude sieht vor einer Wand aus Berg und Bäumen. Welche Stadt bietet das einem schon?

Wahrscheinlich nur diese eine.

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